Der Luftverkehr aus Arbeitnehmersicht –
eine Bestandsaufnahme

Die Wettbewerbsbedingungen des Luftverkehrs sind komplexer als in vielen anderen Branchen. Ein globales Geschäftsumfeld wird durch nationale wie europäische Regulierungen bestimmt. Teilweise staatlich geförderte Wettbewerber aus dem Ausland können sich leicht diesen Belastungen entziehen, während die heimische Luftverkehrswirtschaft etwa mit höheren Abgaben oder rein national wirkenden Bestimmungen alleingelassen wird. Für die Beschäftigten des Luftverkehrs hat diese Schieflage zu außerordentlichem Druck auf ihre Arbeitsbedingungen geführt. Die Arbeitgeber werden immer einfallsreicher, neue, für sie günstigere Beschäftigungsbedingungen zu schaffen.

Die bisher zuständige Gewerkschaft ver.di hat diesem Druck nicht standgehalten und immer wieder eine Kompensation des sich schnell wandelnden Marktes auf Kosten der Arbeitnehmer gemacht. Befristete Beschäftigung, Werkverträge, Leiharbeit und sinkende Löhne sind die Folge in einem ansonsten prosperierenden gesamtwirtschaftlichen Umfeld in Deutschland. Die Arbeitnehmer des Luftverkehrs werden auf diese Weise von den Früchten der starken deutschen Exportwirtschaft ferngehalten – und das obwohl der Luftverkehr einer ihrer Eckpfeiler ist. Die Antworten auf diese Herausforderungen können nicht nur am Tariftisch gefunden werden. Vielmehr braucht es auch eine starke Interessenvertretung der Arbeitnehmer auf allen Ebenen, auf denen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Luftverkehrs bestimmt werden.

Die Industriegewerkschaft Luftverkehr (IGL) steht dafür, die Abwärtsspirale aufzuhalten und die Zukunft des Luftverkehrs in Deutschland zu stärken.

Die Beschäftigten und ihre Vertretungen

Rund 825.000 Arbeitsplätze bietet die Luftverkehrsindustrie heute und ist damit ein Stützpfeiler des deutschen Arbeitsmarktes. Sie ist aber auch ein Vorzeigebeispiel für Tarifpluralität. Mit der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF), der Vereinigung Cockpit (VC) und der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (UFO) sind hier gleich drei prominente Spartengewerkschaften vertreten. Diese Spezialvertretungen haben in den vergangenen Jahren sehr effiziente Arbeit für ihre Mitglieder geleistet und gezeigt wie stark eine berufsnahe Vertretung ist. Die IGL verfolgt daher den Ansatz einer Bündelung der Kräfte aller bisherigen Vertretungen und die Etablierung von Vertretungen in den Bereichen, in denen es bisher keine Berufsgewerkschaft gibt.

Eine Gewerkschaft für Gewerkschaften und alle ohne Heimat

Die IGL ist kein Dachverband, sie ist eine selbstständige Gewerkschaft und aus sich heraus tariffähig. Anders als bei anderen Branchen- und Industriegewerkschaften können bereits etablierte Gewerkschaften wie UFO oder GdF als Ganzes Mitglied der IGL werden. Daneben setzt IGL auf die breite Masse der heute nichtvertretenen Arbeitnehmer des Luftverkehrs. Während von den genannten 825.000 Beschäftigten bereits heute ca. 55.000 eine spezialgewerkschaftliche Vertretung haben, ist der größte Teil ohne eine maßgeschneiderte Interessenvertretung.

Dieser Zustand führt zu Unterbietungswettbewerben der Arbeitgeber auf Kosten der Vergütungs- und Arbeitsbedingungen. Befristungen, Leiharbeit, Lohnniveaus knapp über Mindestlohn oder die Unterwanderung bestehender Qualifikationsbestimmungen sind an der Tagesordnung, während die Arbeitgeber ein "level playing field" für sich fordern. Also faire Wettbewerbsbedingungen auf internationalem Niveau. Aus Sicht der IGL steht diese Fairness auch den Beschäftigten zu und ist keine Sozialromantik, sondern der Grundstein gesunden Wirtschaftens in einem umkämpften Markt.

Sparte groß gedacht

Jedes Unternehmen braucht individuelle Lösungen. Jede Beschäftigtengruppe dementsprechend ebenfalls. Was eine VC, GdF oder UFO vorgemacht haben, ist die Blaupause der Struktur der IGL. Jede Berufsgruppe hat ihren eigenen Bereich. Die Interessenvertretung findet so nah wie möglich an den Mitgliedern und ihren Bedürfnissen statt. Tarifpolitische Arbeit der Bereiche findet deshalb auch weitgehend autonom statt. Bildlich gesprochen, stellt IGL ein Haus zur Verfügung, in dem jede Berufsgruppe eine Wohnung bekommt und selbst dekoriert. Für große Lösungen zu gemeinsamen Herausforderungen sind aber alle Mitbewohner des Hauses gefordert. Denn ohne einander könnten die Bewohner nicht ihr Haus bewohnen. Die Solidarität unter- und füreinander ist deshalb ein Grundsatz der IGL selbst.

Zudem haben andere Branchengewerkschaften wie IG-Metall oder IGBCE in der Vergangenheit bewiesen, wie durch eine gemeinsame Vertretung der Industrieinteressen Arbeitnehmer wie Arbeitgeber gleichermaßen profitieren. Im extrem volatilen Geschäft des Luftverkehrs fehlt bisher jedoch ein konsolidierter Sozialpartner, um die Herausforderungen zum Wohle der Beschäftigten, der Flugreisenden, des Frachtverkehrs, der vielen Dienstleister im Luftverkehrsgeschäft, dem Außen- und Binnenhandel und damit der gesamten deutschen Wirtschaft zu stärken.

Für die Arbeitnehmer ist es 5 nach zwölf

LSG Sky Chefs will Teile der Produktion nach Tschechien verlagern, LH Cargo baut 500 Stellen ab, Airlines vermelden den Einbruch von Buchungszahlen aufgrund von Sicherheitslagen, FRAport startet die nächste Auslagerungswelle (Ebit+15), um Kosten zu drücken und die betriebliche Mitbestimmung zu schwächen, die Zukunft von airberlin ist ungewiss, LH Technik in Hamburg zwingt die Arbeitnehmer zu Gehaltseinbußen und Lufthansa Passage Airline hatte von 2014 bis 2015 die heftigsten Arbeitskämpfe ihrer Firmengeschichte. Es gibt dazu viele weitere Beispiele, die alle zeigen, dass diese Industrie im Wandel begriffen ist.

"Dieser Wandel darf nicht ohne eine starke Mitgestaltung der Arbeitnehmer vonstattengehen. Die bisherige Praxis der ver.di hat dabei zu einer kontinuierlichen Verschlechterung für die Beschäftigten geführt. Etwa bei der LSG wurde ein Absenkungstarifvertrag abgeschlossen, der heute nicht vor der oben erwähnten Auslagerung schützt. Die Dienstleistungsgewerkschaft empört sich zwar, bietet jedoch keine Lösung an und hat es obendrein versäumt Schutzmaßnahmen vorzusehen. Dieses Bild zeigt sich derzeit bei allen tarifpolitischen Bewegungen, an denen sie im Luftverkehr beteiligt ist. Meist werden reine Absenkungen dann als alternativlos hingestellt. Die Spirale geht so immer weiter nach unten", so Nicoley Baublies, Vorsitzender IGL.

Die ersten Aufschläge von IGL in den Betrieben und Vorstöße zu Tarifverhandlungen haben zu deutlichen Reaktionen sowohl von ver.di als auch den Arbeitgebern geführt. Die Führung der IGL sieht sich damit in ihrem Bestreben gestärkt. Die ver.di fürchtet um ihre Alleinvertretung, die zu schwach ist und die Arbeitgeber fürchten um den Verlust eines vermeintlich einfachen Tarifpartners. Eine Interessenvertretung für die Arbeitnehmer des Luftverkehrs ist also längst überfällig.

Ansprechpartner:

Vorsitzender der IGL:
Nicoley Baublies, nicoley.baublies@igl.aero
Stellv. Vorsitzender der IGL:
Siegfried Trissler, siegfried.trissler@igl.aero
Generalsekretär der IGL:
Markus Siebers, markus.siebers@igl.aero
Sprecher der IGL: